zurück Vom Friedensmuseum zur Hitlerkaserne

Ein Portrait des Anarchisten und Widerstandskämpfers Ernst Friedrich

Es macht wenig Sinn, in dieser Zeitschrift den großen Friedenskämpfer und Anarchisten Ernst Friedrich (*Breslau [Wroc³ aw] 25. 2. 1894, †Le Perreux bei Paris 2. 5. 1967) vorzustellen, doch sollen dem Leser seine wichtigsten Lebensstationen kurz in Erinnerung gerufen werden.

Das dreizehnte Kind einer Waschfrau und eines Sattlers verdingte sich nach einer 1908 begonnenen und kurz darauf abgebrochenen Buchdruckerlehre als Fabriksarbeiter, bildete sich daneben privat als Schauspieler aus und durchwanderte 1912 bis 1914 Dänemark, Schweden, Norwegen und die Schweiz als "Kunde". Sein schauspielerisches Debut gab er in seiner Vaterstadt und war dann 1914 eine zeitlang am Königlichen Hoftheater in Potsdam. 1911 der Sozialdemokratie beigetreten, machte ihn der Erste Weltkrieg zum engagierten Pazifisten. Seine Weigerung, eine Uniform anzuziehen, hatte seine Einweisung in eine Beobachtungsstation für Geisteskranke zur Folge.
1917 verweigerte er den Einberufungsbefehl und unternahm stattdessen einen Sabotageakt in einem patriotischen Musterbetrie, wofür er erstmals ins Gefängnis mußte. 1916 nahm er Kontakt zu einer illegalen Anarchistengruppe in Breslau auf und schloß sich 1918 in Berlin der "Freien Sozialistischen Jugend" an, deren antiautoritären Flügel, die "Freie Jugend", er 1919 ins Leben rief. Er gab auch deren Organ, die Freie Jugend. Jugendschrift für herrschaftslosen Sozialismus heraus, welche eine Auflage bis zu 40.000 Stück erreichte. Außerdem initierte er 1921 eine permanente "Arbeiter-Kunst-Ausstellung" mit Werken von Käthe Kollwitz, Hans Baluschek, Otto Nagel, Heinrich Zille und anderen. Mit Genossinnen und Genossen seiner "Internationales Haus" genannten Wohnkommune begann er 1923 die Einrichtung des "Internationalen Anti-Kriegsmuseums", welches Ostern 1925 eröffnet wurde. Nach dem Zerfall der "Freien Jugend" Ender der 20er Jahre widmete er sich verstärkt seinem Museum und der Kunstausstellung, hielt Rezitationsabende und wissenschaftliche Vorträge (vor allem über Individualpsychologie und Sexualwissenschaft). Auch als Schriftsteller war er äußerst erfolgreich; so erreichte sein Buch Krieg dem Kriege" (Berlin 1926) bis 1930 zehn Auflagen mit 50.000 Exemplaren. Wegen der im Auftrag der KPD gedruckten Zeitschrift Die Rote Fahne (Berlin) wurde er im April 1930 verhaftet und im November 1930 wegen "Vorbereitung zum Hochverrat" zu einem Jahr Festungshaft auf den Festungen Gollnow und Wesermünde/ Lehne verurteilt.

Nach seiner Entlassung begann er, Archivmaterial ins Ausland zu schaffen, da die Übergriffe der Nationalsozialisten nicht mehr zu ignorieren waren. Auch Friedrich selbst wurde deren Opfer, als er im November 1932 von Angehörigen der SA vor seinem Museum zusammengeschlagen wurde. In der Nacht des Reichstagsbrandes verhaftet und kam in sogenannte Schutzhaft, während noch im März 1933 SA-Horden sein Museum zerstörten und das "Internationale Haus" zu ihrem Sturmlokal machten. Im September 1933 wurde er – über Intervention amerikanisch Quäker – als kranker Mann freigelassen. Nachdem bereits ein neuer Prozeß gegen ihn festgesetz war, floh er im Dezember 1933 mit seiner Frau Charlotte (geb. Meier; 1915 hatte er sie geheiratet und nach jahrzehntelanger Trennung wurde die Ehe 1952 geschieden) und seinen Kindern Heidi und Ernst über Prag in die Schweiz, wo er sich um den Wiederaufbau seines Anti-Kriegsmuseums im Aargau bemühte. Im Juli 1935 ausgewiesen, flüchtete er über die Niederlande nach Belgien, wo mit Hilfe der belgischen Gewerkschaften und der "Parti Ouvrier Belge" im Oktober 1936 sein zweites Anti-Kriegsmuseum, das "Musée Mondial contre la Guerre", in Brüssel eröffnet wurde.

Beim Einmarsch deutscher Truppen in Belgien 1940 wurde auch dieses Museum zerstört. Ernst Friedrich, inzwischen Mitglied der "Légion Etragère", wurde inzwischen mit seinem Sohn nach Frankreich evakuiert, wo er nach dem Waffenstillstand vom Juni 1940 ins Internierungslager in Saint-Cyprien, 1941 in Gurs kam. Nach eineinhalb Jahren konnte er aus dem Lager fliehen und erhielt in der unbesetzten Zone bei Barre-des-Cévennes (Lozère) den Bauernhof "La Castelle" zur Bewirtschaftung, dessen Ertrag er teilweise Famiien von in deutscher Gefangenschaft befindlichen Franzosen überließ. Hier lernte er seine zweite Frau, das Bauernmädchen Marthe Saint-Pierre, kennen.

Nach der Besetzung Rest-Frankreichs durch die Deutsche Wehrmacht im November 1942 wurde der inzwischen in Deutschland zum Tode verurteilte Friedrich von der GeStaPo im Februar 1943 aufgespürt und verhaftet. Nachdem Ernst Friedrich fliehen konnte, wurde sein Sohn in Geiselhaft genommen. Sein Pflichtgefühl veranlaßte nun den überzeugten Pazifisten, sich der französischen Widerstandsbewegung anzuschließen, und er trat in die in den Cervennen in Florac (Lozère) neu aufgestellten 104. Kompanie des 5. Bataillons "Marquis Lozère" der "Armée des Forces Franç aises Libre de l’Intérieur" ein, der er 1943/44 achtzehn Monate lang angehörte. Er war bei der Befreiung von Nîmes und Alès dabei, wurde zweimal verwundet und rettete unter anderem etwa siebzig Kinder eines jüdischen Kinderheims vor der Deportation. Nach dem Krieg schloß er sich der Sozialistischen Partei Frankreichs (Section Franç aise de l’Internationale Ouvrière) an und bemühte sich seit 1947 in Paris um den Wiederaufbau eines Anti-Kriegsmuseums.
Mit den von einem internationalen Fonds erhaltenen 1.000 Dollar kaufte er einen alten Schleppkahn, den er zum Friedensschiff "Arche de Noé" umbaute, und das er auf einer Seine-Insel nahe Paris (Villeneuve-la-Garenne) verankerte. Als Werbeorgan gab er drei Nummern der Zeitschrift Bordbrief (Paris; 1950-1953) heraus. Mit der Entschädigung, die er 1954 für die Zerstörung seines Besitzes und für erlittene körperliche Schäden im Dritten Reich erhielt, kaufte er etwa 3.000 Quadratmeter bewaldeten Gebietes auf einer Seine-Insel nahe Le Perreux-sur-Marne (Val-De-Marne), wo er ein internationales Jugendzentrum errichtete; der hier gebaute "Schweizer Pavillon", der "Berliner Pavillon" und das "Tolstoj-Haus" hatten zusammen fünfzig Betten. Mit Hilfe der deutschen Gewerkschaft ÖTV (Öffentliche Dienste, Transport und Verkehr) wurde die "Île de la Paix" (Friedensinsel) seit 1961 eine internationale Begegnungsstätte der arbeitenden Jugend. Friedrich, der sich symbolisch zum "Welt-Friedensminister" ernannte, vermachte alles der "Gesellschaft der Freunde der Friedensinsel e.V.". So starb er, zuletzt von schweren Depressionen geplagt, wie er stets gelebt hatte: arm an Besitz, aber überreich an Visionen, die er in seiner schier unerschöpflich scheinenden Schaffenskraft voll romantischem Optimismus immer wieder in Wirklichkeit umsetzte – als kleine Bausteine einer Welt des Friedens und der Herzlichkeit.

Nach dem Tod von Ernst Friedrich wurde die Friedensinsel verkauft, um Erbschaftsansprüche befriedigen zu können. Dabei wurde auch sein schriftlicher Nachlaß achtlos vernichtet. Deshalb sind die hier abgedruckten Briefe an seinen wichtigsten Mitstreiter in Österreich nach dem Zweiten Weltkrieg, Leopold Spitzegger, eine besonders wertvolle Quelle. Diese mit all ihren gewollten und ungewollten Fehlern transliterierten Briefe zeugen nicht nur von der unverkennbaren Friedrichschen Berliner Schnauze, sie sind auch berührende Dokumente seiner Sorgen und Kämpfe, seiner Verbitterung und seines Optimismus.

Reinhard Müller

 

Paris, den 28. Mai 1951

Mein lieber Leopold Spitzegger!

Du kannst Dir nicht vorstellen, wie sehr ich mich gefreut habe von Dir, aus Österreich, einen Gruss zu bekommen! ...

Ich bin inzwischen Franzose geworden, meine Tochter Engländerin, ein Sohn Belgier, der andere blieb staatenlos, je nachdem eben der faschistische Sturmwind den einen oder den anderen hingeblasen hat, wobei er mir fast das Lebenslicht ausgeblasen hätte, denn nach meiner abenteuerlichen Flucht aus der Nazi-gefangenschaft (ich wurde in der Nacht vom Reichstagsbrand verhaftet und war mit unserem Erich Mühsam – die erste Zeit – in derselben Etage der Hitlerhölle gefangen). Was darüber etwa zu sagen ist, habe ich in meinem Buch: "Vom Friedens-Museum zur Hitler-Kaserne" zusammengefasst (erschienen 1935, in der Schweiz, wo ich einige Monate Asyl hatte).

In dem hier beigelegten Programm von meinen Vorträgen in STUTTGART, kannst Du einiges über "Vom Friedens-Museum... zur Hitler-Kaserne" lesen. Dieses Buch war sehr schnell völlig vergriffen und Neudruck??? Wer? Wo? Durch einen ganz besonders glücklichen Umstand haben wir noch an die 200 Exemplare retten können über das 2te Massenmorden, aber diese wenigen Exemplare habe ich gestiftet für die DRITTE Aufrichtung des Anti-Kriegs-Museums, des immer noch e i n z ig e n auf der Welt!

Von d i e s e n Exemplaren kann und darf ich Dir also keines abgeben, es sei denn zu dem gewiss hohen Preis dieses BAUSTEINES der Wiedererrichtung das Anti-Kriegs-Museums: 25 DM. ... Ich selbst bin ja noch das, was ich in Berlin war: ein armer Kerl, von dem Du schreibst, dass er seinen "guten Anzug versetzt hatte", um mit dem Erlös "die letzte Auflage der FREIEN JUGEND" zu finanzieren. ...

Und doch kam ich vor wenigen Wochen aus meiner "chronischen Geldverlegenheit", als ich nämlich ---- hast Du Dich hingesetzt?---- ---- sitzt Du auch fest??? ---- als ich nämlich vor wenigen Wochen ------- halte Dir feste, Leopold ---- 1 0 0 0 DOLLAR von einem Fonds der Alliierten bekam, DAMIT ICH MIR EINE EXISTENZ GRÜNDEN KANN.

Und, wat menste, w a t vor ene Existenx habe ich damit gegründet? Wenn Du Ernst’n aus Berlin kennst, ick mene den PARISA aus BEALIN, der in BRESLAU jeborn is... d e r kann doch nur mit so ville Jeld eine neue Existenz schaffen für die DRITTE Wiedererrichtung des "Anti-Kriegs-Museums". Und dann bekommt dieser verrückte und dumme Ernst Friedrich noch die Zeit bezahlt, die er bei den Nazis im Gefängnis war, (pro Tag 5 DM), und dann noch dazu Wiedergutmachung dafür, dass die Nazis meine Wohnung, Druckerei, Museum und mich kaputt geschlagen haben... Und das alles wird in die Wiedererrichtung meines Museums gesteckt. ... Und dann denke ich alter Dummkopf: wenn i c h ALLES hergeb für unsere gemeinsamen Ideale, um sie zu v e rw i r k l i c h e n – so weit als eben nur möglich – DANN werden meine Freunde, wenn sie schon nicht mal einen einzigen "Baustein" stiften ("Ich hab leider kein Geld! "), dass aber dann wenigsten diese "Idealisten" es mir nicht verübeln, dass ich meine so sehr mühevoll s e l b s t geschaffenen "Bausteine" NICHT an jedermann VERSCHENKE! (Aber m i r kannste doch ein Buch schenken! ")

Ach Du! Du bist gewiss nicht einer dieser "Freunde" und "Idealisten". Ich sage es ja auch nicht zu Dir, sondern zu denen, denen kein flüchtiger Genuss, kein vergängl. Vergnügen zu teuer ist, – nur die B ü c h e r, diese treuen Freunde des Menschen, die still und bescheiden auf dem Holzbrett stehen und warten, bis sie wieder d i e n e n dürfen! ...

Ich hätte vor Freude aufschreien mögen als ich Deine Zeilen las: Du habest "einen Packen" meiner Geisteskinder gerettet aus dem ps Jahre währenden "Tausendjährigen Reich"... Auch meine "Schwarze Fahnen"! Aber so schreibe mir doch mal erst: WIRST DU MIR diesen "einen Packen" meiner Geisteskinder wieder zuführen, dass ich, der Geistesvater sie an mein Herz drücken kann?????? ???????

Und was heisst: "ein Packen". Wie kannst Du einem vereinsamten Vater solche einen Kummer beereiten indem Du da nur von "einem Packen" sprichst?! W i e v i e 1 Nummern? Welche Jahrgänge?

Wie sehr wichtig sind für mich diese Hefte! Ich suche sogar eiligst ganz bestimmte Aufsätze, die ich niemals mehr wiederholen kann, weil ich ja doch immer "aus dem Ärmel schuttelte", was mir im Oberstübchen sass und raus wollte, musste.

...

Das Photo von mir, mit meiner kl. Tochter (1919) wirst Du mir sicher geben, aber nochmal: NICHT senden, bitte gut aufbewahren, bis ich mal selbst in WIEN bin, was Du vielleicht mal arrangieren kannst?!

Bei der Gelegenheit meines Aufenthaltes in Wien kann ich Dir dann verschiedenes geben, woran Du Interesse hast, so etwa die von Dir gewünschten: "guten Bilder für einen Antikriegsvortrag". DA bist Du natürlich bei mir an der besten und grössten Quelle, wie Du Dir ja wohl selbst gedacht hast, da Du ja weisst das es meine LEBENSAUFGABE ist für die Völkerverbrüderung, gegen das Massenmorden zu leben, zu hingern, zu sterben... b e i n a h e schon, denn ich war – wie konnte es anders sein – von den Nazis ZUM TODE verurteilt und sogar s c h o n v e rh a f t e t (nachdem ich das erste mal entkommen bin) und – wie kann auch d a s anders gekommen sein: zum ZWEITEN MAL dem Teufel von der Schaufel gesprungen...! Mein Sohn als GEISEL... a u c h ZUM TODE verurteilt – vier Jahre Gefängnis "nur" im "Endefekt"[.] Ach, was schreib ich Dir das alles im Brief: Du kannst es lesen in einem meiner nächsten Büchern.

WENN D u also daran interessiert bist, dass ich mal in WIEN spreche, dann schreibe mir, damit ich Dir Vorschläge mache: Lichtbilder – AUSSTELLUNG – am liebsten KUNSTLERISCHEN Vortrag (wobei dann auch unser Freund ERICH[,] Heine, Tucholski, Toller etc. etc. zu Gehör kommen könnten). Als MITGEFANGENER und persönlicher Freund von Erich [Mühsam], da würde es noch besonders interessant sein, zumal ich aus meinem Buch: "Vom F[riedens-]M[useum]... zur H[itler]-K[aserne]" einiges sprechen (nicht etwa "lesen"!) würde von meinen unmittelbaren Erlebnissen mit Erich in der gemeinsam verbrachten Hitlergefangenschaft.

Ich war übrigends ganz erstaunt darüber, dass DU, in Österreich, von der EXISTENZ des soeben erwähnten Buches etwas weisst. Es erschien doch in der S c h w e i z ! ...

Hoffentlich bekommst Du meinen "BORDBRIEF", den ich mit gleicher Post sende, aber als extra-Drucksache, nicht Einschreiben, weil ich eben davon Ersatz sende, falls auch wieder "verloren" geht...

Letzte Frage: Willst DU (– oder wer sonst? – ) für diese "BORDBRIEFE" von E[rnst] F[riedrich] als VERSANDSTELLE für OSTERREICH mitmachen? Also auch Abonnenten beliefern. Ich suche dringend eine zuverlässige Adresse, die ein ideelles Interesse hat an einer idealen Sache für Völkerverbrüderung!

Du kennst ja wohl meine alte Parole: "Ich diene k e i n e r Partei – ich diener der M e n s c h h e i t !" Damit: herzliche Grüsse!

Ernst Friedrich

* * *

Ile Saint-Denis, den 6. November 1952

Mein lieber Freund!

Es ist Dir natürlich ganz unmöglich eine auch nur annähernd richtige Vorstellung zu machen von der niederdrückenden, schweren Last, die auf meinem Rücken zu tragen ist, damit ich das gewiss einzigartige und ich meine: das grösste und POSITIVSTE Friedenswerk: "ARCHE DE NOÉ" – mit seiner symbolischen Bedeutung für die heutige Zeit – zu vollenden!

Und das alles bei materiellen schlechtesten Verhältnissen, bei primitivster Art das allerproletarischste persönliche Leben zu fristen, völlig abgerissene Kleidung... etc. etc. und das alles: weil am Essen und an Kleidung so viel abgespart, abgegaunert wird, damit vom Wochenlohn, ach so geringen Wochenlohn meiner Marthe von jeder Lohnzahlung 30% bis 60% genommen werden muss für Einkäufe an Material zum Ausbau der "Arche Noah". Und jedes Auslandsbriefporto hat den Wert eines Brotes von dem wir den ganzen Tag leben!!! Bitte bedenke doch das alles, bedenke es ein wenig nur, und Du wirst dann wohl verstehen, warum ich so selten schreiben kann!!!

Dazu dann das NIEDERSCHMETTENDSTE: die völlige Demoralisierung in den Kreisen sogenannter Genossen oder Kameraden, die immer wiederkehrende Enttäuschung sogenannter "Freunde", die mich materiell betrügen durch Nichtzahlung bestellter Bücher oder gar die gesamte Engros-Büchersendung verkaufen, aber nicht an mich abrechnen; nicht 1 Pfennig, damit sie sich von meinem Geld dicke Zigarren kaufen können und gutes Fressen sich leisten auf MEINE Kosten. – "Gesinnungsfreunde" – !

Auf Briefe, denen ich Rückporto beilege, antworten sie einfach nicht, obwohl ihre Antwort für mich von höchster Bedeutung ist. "Die freie Gesellschaft" gehört dazu!!! Als ich im vorigen Jahr in Stuttgart einen Vortrag hatte und auch nach DARMSTADT wollte, fragte ich – damals – bei Gretel Leinau in Darmstadt/ Nieder-Beerbach an und bat um postwende Antwort nach Stuttgart: ob ich auf ihre organisatorische Unterstützung rechnen kann. Ich wartete in Stuttgart, wo mich doch jeder Tag schweres Geld kostete bei dem schlechten französisch-deutschen Währungstausch.. volle 10 Tage ehe eine Absagung kam: "nicht in der Lage, uns auch nur mit den geringsten Mitteln propagandistisch zu beteiligen". Auch war die brave Gesinnungsfreundin "eine knappe Woche abwesend", (ihr Mann nicht), "sonst hätte ich Sie einige Tage früher verständigt". Schön und gut! ...

Soll ich Dir, lieber Freund Leopold noch hunderte solcher Beispiele nennen. Namen nennen von "führenden" Geistesgrössen, von pazifistischen Pastoren die Schürtzenjäger sind (ich kenne drei) oder Lügner und eitle Wichte sind. A L L E aber Egoisten die nur reden und schreiben und auf "Kongressen" oder "Tagungen" leuchten als "Fackelträger" einer "freien Gesellschaft"... einer neuen Menschheit!!! DAS alles, mein lieber Leopold, das alles zermürbt mich und hätte ich nicht um mich den schützenden Mantel der Ironie... ich würd längst meinem Leben ein freiwilliges Ende gemacht haben. Ich sage das in grösstem Ernst!!!

Daß meine politischen Gegner unzulängliche oder gar zweifelhafte Individuen sind, das berührt mich wenig oder gar nicht. WENN aber meine sogenannten Gesinnungsfreunde –Gesinnungslumpen sind, dann steigt mir das Blut zu Kopfe. ...

Und weil ich weiss, dass Tausende und Millionen Müde und Enttäuschte und Hoffnungslose sind, Pessimisten selbst unter wirklichen Freunden und Kameraden, so eben baue ich weiter an meiner ARCHE DE NOE, mit der ich am 1. Mai 1953 die Weltreise antreten will, für Brüderlichkeit, für Inseln der Herzlichkeit in dieser herzlosen Welt.

Die Menschen sollen auf meiner Arche Noah kommen, ich will ihnen – selbst ein Tausendfach geschlagener, Verfolgter und Gequälter, von "Freunden" verkaufter und betrogener, ich dennoch und trotz alledem: OPTIMIST aus Berufung ... ich will all die Müden und Deprimierten wieder aufrichten – damit sie den Kopf oben behalten und nicht ertrinken in der Sintflut dieser Welt.

Der Rettungsring ist HERZLICHKEIT!

Dann aber, wenn die Anker gelichtet sind und die "A[rche] N[oah]" die Flüsse und Kanäle Europas durchzieht, dieses originelle Friedensschiff » das man gesehen haben muss« mit seinem über die ganze Schiffslänge (40 Meter) sich spannenden REGENBOGEN, eine Giraffe als Flaggenmast, dieses Märchenschiff das für die Schaffung einer glücklichen Menschheit die Weltreise macht, für Liebe, für Verbrüderung der Völker.

Tja, dann werde ich rechnen dürfen mit massenhafter finanzieller Hilfe – DIE ICH DANN NICHT MEHR NÖTIG HAB!

Ihr österreichischen Freunde könnt – infolge der schlechten Valuta – zur Zeit nicht finanziell helfen, aber Ihr könnte der übrigen Welt ein Beispiel geben von Eurer moralischen Unterstützung dieses wirklich einzigartigen Friedenswerkes. Bisher – freilich – bist Du es nur, mein lieber Freund Leopold Spitzegger, der vorbehaltlos und temperamentvoll im Geiste mitmacht. DAS ist mir tatsächlich eine Hilfe, denn es ist ein Ansporn nicht zu verzweifeln, wenn ich eine Enttäuschung nach der anderen einstecken muss. Enttäuschungen eben: von sogenannten "Gesinnungsfreunden"... von Sabberpazifisten...! Du hilfst mir aber auch, mein lieber Freund Leopold, indem Du GEDULD hast wenn ich längere Zeit nicht schreibe. DANN ARBEITE ICH EBEN – arbeite wirklich: TAG und NACHT bis ich doch vor völliger Erschöpfung in’s Bett sacke, um doch nicht einschlafen zu können, weil ich denke und denke und denke... nach 2 oder 3 Stunden wieder aufsteh... vielleicht auch vor Hunger aufsteh... oder weil der Schweiss mir aus der Stirne tritt, denn meine Lumpen am Körper sieht man ja nicht, da ich ja auf dem Schiff bin und bleibe, aber meine Frau hat dringend ein paar ganze Schuh nötig bei dem wochenlang anhalten Regen, und Strümpfe fehlen ihr und... und da schläft man nicht[.] Und dann kommt der Morgen und ich sehe ihre Fetzen die sie als Unterwäsche trägt... und ich habe nicht immer die Kraft meine Tränen zurückzuhalten bei diesem Anblick. Zum Glück weiss sie nichts von meinem grossen, inneren Schmerz um diese Heldin, um diese Welt... denn Marthe ist glücklich mit mir und sie singt in aller Morgenfrühe, wenn sie eben diese Lumpen schnell noch mal und immer wieder zusammennäht zu einer Art von Hemd oder Unterrock... dabei singt sie und wir scherzen miteinander und lachen. Tränen weint man nach innen, an Bord der Arche Noah! und dann humpelt dieses tapfere Weib zum Bahnhof – denn Marthe ist körperbehindert von Geburt – um nach Paris zu fahren, zu ihrem Arbeitsplatz an der motorisierten Nähmaschine... immer wieder angepeitscht vom Arbeitgeber: schneller zu arbeiten, schneller und schneller. Und am späten Abend kommt Marthe wieder an Bord, völlig entnervt, völlig erschöpft... denn wir haben ja Geld nötig – nicht für ein paar Schuh oder Unterwäsche oder Strümpfe, sondern für Holz und Eisen und Teerpappe zum Weiterbau an der Arche Noah.

Ernst Friedrich


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