Marie Louise Berneri
Reise durch Utopia
Ein Reader der Utopien
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Karin Kramer Verlag Berlin
Titel der Originalausgabe: Marie Louise Berneri — Journey Through Utopia.
Aus dem Amerikanischen übersetzt von Renate Orywa.CIP-Kurztitelaufnahme der Deutschen Bibliothek: Berneri, Marie Louise:Reise durch Utopia: Reader d. Utopien /
Marie Louise Berneri. - Berlin: Kramer, 1982. Einheitssacht.: Voyage through Utopia [dt.]
ISBN 3-87956-104-4
© Karin Kramer Verlag Berlin, Braunschweiger Str. 22, 1000 Berlin-Neukölln (44) - Postfach 440106
Gesamtherstellung: Offsetdruckerei Dieter Dressler, Berlin
Satz: Volker Bruns, Berlin
1. Auflage 1982
INHALT
Vorwort (von G. Woodcock) 7
Einführung 11
I. Utopien der Antike 19
Plato — Der Staat 20
Plutarch — Leben des Lykurgos 39
Aristophanes 49II. Utopien der Renaissance 55
Thomas Morus — Utopia 60
Thomas Campanella — Der Sonnenstaat 86
Valentin Andreae — Christianopolis 101
Francis Bacon — Neu-Atlantis 120
Francois Rabelais — Die Abtei Thelem 130III. Utopien der englischen Revolution 135
Gerrard Winstanley — Das Gesetz der Freiheit 137IV. Utopien der Aufklärung 163
Gabriel de Foigny — Eine neue Entdeckung der Terra Incognita Australis 171
Diderot — Nachtrag zu Bougainvilles Reise 186V. Utopien des 19. Jahrhunderts 191
Etienne Cabet — Reise nach Ikarien 200
Lord Lytton — Das kommende Geschlecht 214
Edward Bellamy — Ein Rückblick 220
William Morris — Kunde von Nirgendwo 231
Eugen Richter — Sozialdemokratische Zukunftsbilder 256VI. Moderne Utopien 265
Anhang
Utopie eines Tramps 286
Namensregister 290
Texthinweise 293
Bibliographie 294
Vorwort
von George Woodcook
In Reise durch Utopia gibt uns Marie Louise Berneri eine Beschreibung und kritische Einschätzung der wichtigsten (und der Leser wird bald feststellen, daß sie damit nicht unbedingt die bekanntesten meint) utopischen Schriften, die – seit Plato in seinem Staat den Träumen vom goldenen Zeitalter und von idealen Gesellschaften zum ersten Mal eine literarische Form gab – zweifellos den Menschen seit Beginn seiner bewußten Beschäftigung mit gesellschaftlichen Problemen verfolgen.
Ein paar Worte der Erinnerung sind, glaube ich, notwendig, um die Form, die das Buch angenommen hat, zu erklären. Anfang 1948, als der Plan an sie herangetragen wurde, eine Zusammenstellung von Auszügen von Utopien zu veröffentlichen, erklärte sie sich bereit, die Auswahl zu übernehmen, meinte jedoch, daß das ursprüngliche Vorhaben nicht so sehr geeignet sei, da die gefeierten Utopien für den, der sich ernsthaft darum bemühte, in der einen oder anderen Form wohl leicht erhältlich seien, und daß man nicht eine bloße Zusammenstellung brauchte, sondern eher eine Arbeit, die Information und Kommentar verband, sie ausführlich darstellte, jedoch gleichzeitig diskutierte und sie derart verknüpfte, daß die Entwicklung des utopischen Gedankens und seine Rolle in der Geschichte gesellschaftlicher Bedingungen und Ideen deutlich hervortrat. Ihr Vorschlag wurde leicht abgewandelt angenommen, und sie machte sich mit charakteristischer Sorgfalt an die Arbeit, sowohl die verborgenen als auch die vertrauten Utopien aufzuspüren. Schon ein kurzer Blick in dieses Buch und seine Bibliographie zeigt, wie erfolgreich sie war; und man wird feststellen, daß einige der Utopien, die sie aus der Vergessenheit hervorgeholt hat, wie zum Beispiel die von Gabriel de Foigny, sowohl literarisch interessant als auch wichtige Reflexionen der gesellschaftlichen Bestrebungen ihrer Epoche sind. In einigen Fällen gab es keine englische Ausgabe, und Marie Louise Berneri mußte selbst aus dem Französischen oder Italienischen übersetzen; dies war der Fall bei Diderots Nachtrag zu Bougainvilles Reise und Cabets Reise nach Ikarien, während sie Campanellas Sonnenstaat, basierend auf der italienischen Fassung des Originals, neu übersetzte, welche einige Jahre älter war als die lateinische Fassung, die der frühere englische Übersetzer benutzt hatte.
Soweit ich hinsichtlich der gegenwärtigen Standardwerke über Utopien feststellen kann, hat keines von ihnen ein so weites Spektrum wie der vorliegende Band, noch es geschafft, das Thema in so erfrischender und anregender Weise zu präsentieren.
In ihrem Bericht über Utopien betont Marie Louise Berneri nachdrücklich den intoleranten und autoritären Wesenszug der meisten dieser Visionen, wohingegen die Ausnahmen, wie Morris, Diderot und Foigny nur eine unbedeutende Minderheit bilden. Und weiterhin weist sie darauf hin, daß die Marxisten, obwohl sie immer den Anspruch erhoben haben, im Gegensatz zu den utopischen Sozialisten „wissenschaftlich" zu sein, in der Praxis ihrer tatsächlichen gesellschaftlichen Experimente zu der allgemein rigiden Struktur tendierten, die viele der charakteristischen institutionellen Züge der klassischen Utopien besitzt. Zum Glück haben die Lehren aus dieser Ent-
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wicklung ihre Wirkung auf die Menschen heute nicht verfehlt, seien sie nun Intellektuelle oder Arbeiter. Visionen einer idealen Zukunft, wo jegliche Handlung, wie in den Entwürfen Cabets oder Bellamys, sorgfältig reglementiert und in einen Modellstaat eingebettet ist, sind nicht mehr populär, und man kann sich kaum vorstellen, daß ein solches Buch heute zu dem Ruhm gelangte, dessen sich Bellamys Rückblick aus dem Jahre 2000 Ende des neunzehnten Jahrhunderts erfreute. Es ist bezeichnend, daß es nicht nur Schriftsteller gibt, die sich heutiger gesellschaftlicher Mißstände bewußt sind und Anti-Utopien schreiben, um die Leute vor den Gefahren zu warnen, die ein Weitergehen in Richtung eines reglementierten Lebens mit sich bringt, sondern daß eben diese Bücher dieselbe Popularität besitzen wie die spießigen Visionen eines sozialistischen Paradieses vor 1914.
Nach Beendigung von Reise durch Utopia erschienen noch zwei bedeutende Bücher dieser Art, die Marie Louise Berneri zweifellos erwähnt hätte, wenn sie noch gelebt hätte. Das eine ist Aldous Huxleys Affe und Wesen (Ape and Essence), eine wahrhaft makabre Zukunftsvision nach dem Atomkrieg, wenn die Menschen in Kanada zu Teufelsanbetern geworden sind in einer Gesellschaft, die sich auf dem Kult des Bösen und des Hasses gründet. Dieses Werk steht streng in der utopischen Tradition und betont seine Lehren für die Gegenwart mit sehr viel mehr Grausamkeit als derselbe Autor in seiner früheren Anti-Utopie Schöne neue Welt (Brave New World). Die zweite dieser neuen Anti-Utopien ist 1984 (Nineteen Eighty Four) des späten George Orwell, eine noch mächtigere Vision einer von Autorität zerstörten Welt, eine Art Verlängerung der logischen Schlüsse aus Platos Staat und allen anderen Utopien, die der menschlichen Individualität feindlich gegenüberstehen. In Orwells Zimmer 101 (Airstrip One) wird alle Individualität am Ende ausgemerzt, und sogar die Gedanken werden reglementiert in einer Weise, wie sie in früheren Utopien unvorstellbar war. Man kann sich vorstellen, mit welchem Vergnügen ein autoritärer Utopist der Vergangenheit sich dieser Techniken zur Herstellung gedanklicher Gleichförmigkeit bemächtigt hätte, denn in jenen Tagen war all dies noch zu weit entfernt, um Thema von Lehnstuhlvisionen zu werden. Heute bricht der Alptraum über uns herein, die Utopien der Vergangenheit nehmen um uns herum Gestalt an, und wir stellen schließlich fest, daß die scheinbar vergnüglichsten dieser Entwürfe notwendig zu einem grausamen Gefängnis werden, wenn sie nicht fest und sicher auf der Grundlage individueller Freiheit basieren, wie im Fall jener glänzenden Ausnahme Kunde von Nirgendwo (News from Nowhere).
Marie Louise Berneris Buch ist nicht nur von akademischem Interesse. Es ist mehr als eine bloße Zusammenstellung und Kritik von Utopien, denn es stellt in erschreckender Weise die enge und verhängnisvolle Beziehung zwischen utopischem Denken und gesellschaftlicher Wirklichkeit heraus und nimmt einen Platz unter den bedeutenden Büchern ein, die in den letzten Jahren erschienen sind und uns von verschiedenen Gesichtspunkten her vor dem Schicksal warnen, das uns erwartet, wenn wir so töricht sind, unser Vertrauen auf eine geordnete und reglementierte Welt zu setzen.
George Woodcock
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Ohne die Utopien anderer Zeiten lebten die Menschen noch in Höhlen, elend und nackt. Es waren Utopisten, die den Weg zur ersten Stadt bahnten... Aus großzügigen Träumen entstehen nützliche Wirklichkeiten. Utopie ist das Prinzip allen Fortschritts und der Entwurf einer besseren Zukunft. Anatole France
Mit der Utopie beginnt der moderne Sozialismus. Kautsky
Ein Morgen Land in Middlesex ist besser als ein Fürstentum in Utopia. Lord Macaulay
Keine Utopie ist so abenteuerlich, als daß sie nicht einige unbestreitbare Vorteile hätte. Auguste Comte
Utopien werden im allgemeinen als literarische Kuriositäten betrachtet, denen eher bekannte Namen zu Ansehen verhelfen, als der ernstzunehmende Beitrag zu politischen Problemen, die das Zeitalter, in dem sie erschienen, beschäftigten. H.F. Russell
Eine Weltkarte, auf der Utopia nicht verzeichnet ist, ist noch nicht einmal eines flüchtigen Blickes wert, denn auf ihr fehlt das einzige Land, wo die Menschheit immer landet. Und wenn die Menschheit dort landet, hält sie Ausschau, und wenn sie ein bessere Land sieht, setzt sie die Segel. Der Fortschritt ist die Verwirklichung von Utopien. Oscar Wilde
Nicht in Utopia, — unterirdischen Gefilden, —
Oder auf einer geheimen Insel, der Himmel weiß wo!
Sondern auf dieser Welt, eben der Welt
Von uns allen, — dem Ort, wo wir am Ende
Unser Glück finden oder niemals!
William Wordsworth***
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Einführung
Unser Zeitalter ist ein Zeitalter der Kompromisse, des Mittelmaßes, der kleineren Übel. Visionäre werden verachtet und verspottet und „praktische Menschen" regieren unser Leben. Wir suchen nicht länger nach radikalen Lösungen für die Übel der Gesellschaft, sondern nach Reformen; wir versuchen nicht mehr, den Krieg abzuschaffen, sondern vermeiden ihn für die Zeit von ein paar Jahren; wir versuchen nicht mehr, das Verbrechen abzuschaffen, sondern geben uns mit Strafrechtsreformen zufrieden; wir versuchen nicht, den Hunger abzuschaffen, sondern rufen weltweite Wohltätigkeitsorganisationen ins Leben. Zu einer Zeit, wenn Menschen so beschäftigt sind mit dem, was praktikabel und auf der Stelle machbar ist, könnte es eine heilsame Übung sein, sich Menschen zuzuwenden, die von Utopien träumten, die alles zurückwiesen, was ihrem Ideal von Vollkommenheit nicht entsprach.
Oft befällt uns ein Gefühl der Demut, wenn wir von diesen idealen Staaten und Städten lesen, denn wir werden uns der Bescheidenheit unserer Ansprüche und der Armut unserer Vision bewußt. Zeno trat für den Internationalismus ein, Plato erkannte die Gleichheit von Männern und Frauen an, Thomas Morus erkannte deutlich den Zusammenhang zwischen Armut und Verbrechen, der heute noch von manchen bestritten wird. Zu Beginn des siebzehnten Jahrhunderts befürwortete Campanella einen Arbeitstag von vier Stunden, und der deutsche Gelehrte Andreae sprach von befriedigender Arbeit und stellte ein Erziehungssystem auf, das noch heute als Modell dienen könnte.
Wir stellen fest, daß das Privateigentum verdammt wird, Geld und Löhne als unmoralisch oder unvernünftig betrachtet werden, menschliche Solidarität als offensichtliche Tatsache anerkannt ist. Alle diese Ideen, die heute als gewagt gelten können, wurden damals mit einem Vertrauen aufgestellt, das, obwohl sie nicht allgemein anerkannt wurden, zeigt, wie bereitwillig man sie nichtsdestoweniger aufgenommen haben muß. Ende des siebzehnten und im achtzehnten Jahrhundert finden wir noch Aufsehen erregendere und kühnere Ideen über Religion, sexuelle Beziehungen, das Wesen der Regierung und des Gesetzes. Wir sind so gewohnt zu glauben, daß fortschrittliche Bewegungen mit dem neunzehnten Jahrhundert anfangen, daß wir erstaunt feststellen, daß damals der Niedergang des utopischen Gedankens beginnt. Utopien werden in der Regel zurückhaltend; Privateigentum und Geld werden oft als notwendig anerkannt; die Menschen müssen sich glücklich schätzen, wenn sie acht Stunden am Tag arbeiten dürfen, und es ist kaum eine Frage, ob ihre Arbeit auch befriedigend ist. Frauen werden unter die Vormundschaft ihrer Ehemänner, Kinder unter die des Vaters gestellt. Doch bevor die Utopien vom "realistischen" Geist unserer Zeit verseucht wurden, blühten sie in einer Vielfalt" und einem Reichtum, der uns zweifeln läßt an der Gültigkeit unseres Anspruches, ein gewisses Maß an sozialem Fortschritt erreicht zu haben.
Dies soll nicht heißen, daß alle Utopien revolutionär und fortschrittlich gewesen sind:
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die meisten waren es, doch nur wenige waren von Grund auf revolutionär. Utopische Schriftsteller waren revolutionär, wenn sie für Gütergemeinschaft eintraten zu einer Zeit, als das Privateigentum heilig erklärt wurde, das Recht des Individuums auf Nahrung, als Bettler gehängt wurden, die Gleichstellung der Frauen, als diese für kaum besser als Sklaven galten, die Würde der Handarbeit, als diese für eine entwürdigende Beschäftigung gehalten und dazu gemacht wurde, das Recht jedes Kindes auf eine glückliche Kindheit und gute Erziehung, als dies den Söhnen des Adels und der Reichen vorbehalten war. All dies hat dazu beigetragen, daß das Wort „Utopie" gleichbedeutend ist mit einer glücklichen, wünschenswerten Gesellschaftsform. Utopie steht in dieser Hinsicht für den Traum der Menschheit vom Glück, ihrer geheimen Sehnsucht nach dem Goldenen Zeitalter oder, wie andere es ausdrückten, nach ihrem verlorenen Paradies.
Doch jener Traum hatte oft seine Schattenseiten. Es gab Sklaven in Platos Staat und Morus' Utopia; es gab Massenmord an Heloten im Sparta des Lykurgus; und oft findet man neben den aufgeklärtesten Einrichtungen Kriege, Hinrichtungen, strenge Disziplin und religiöse Intoleranz. Diese Gesichtspunkte, die von den Verteidigern der Utopien oft übersehen wurden, sind das Ergebnis der autoritären Konzeption, auf der viele Utopien sich gründen, und sie fehlen in denen, die das Erreichen vollkommener Freiheit zum Ziel haben.
Zwei Hauptrichtungen des utopischen Gedankens werden durch die Jahrhunderte deutlich. Die eine sucht das Glück der Menschheit im materiellen Wohlstand, dem Aufgehen der menschlichen Individualität in die Gruppe und der Größe des Staates. Die andere fordert zwar auch ein gewisses Maß materieller Bequemlichkeit, betrachtet aber das Glück als ein Ergebnis der freien Entfaltung der menschlichen Persönlichkeit, die nicht einem willkürlichen Moralkodex oder den Interessen des Staates geopfert werden darf. Diese zwei Richtungen gehen einher mit verschiedenen Auffassungen von Fortschritt. Für die antiautoritären Utopisten mißt sich der Fortschritt, wie Herbert Read sagt, am Grad der Differenzierung innerhalb einer Gesellschaft. Wenn das Individuum Einheit einer korporierten Masse ist, wird sein Leben nicht nur animalisch und kurz, sondern leblos und mechanisch. Wenn das Individuum eine Einheit in sich selbst bildet mit dem Raum und der Möglichkeit zu eigener Handlung, dann mag es eher dem Zufall und der Gelegenheit unterworfen sein, doch es kann sich zumindest entfalten und ausdrücken. Es kann sich entwickeln — entwickeln in dem einzig wahren Sinne des Wortes — entwickeln im Bewußtsein seiner Stärke, Vitalität und Lebensfreude.
Doch Herbert Read weist ebenfalls daraufhin, daß dies nicht immer die Definition von Fortschritt gewesen ist: Viele Leute finden Sicherheit in der Masse, Glück in der Anonymität und Würde in der Routine. Sie wollen nichts besseres sein als Schaf unter einem Hirten, Soldat unter einem Hauptmann, Sklave unter einem Tyrannen. Die wenigen, die sich entfalten müssen, werden Hirten, Hauptmänner und Führer dieser willigen Gefolgschaft.
Die autoritären Utopien hatten zum Ziel, dem Volk Hirten, Führer und Tyrannen zu geben, hießen sie nun Wächter, Phylarchen oder Samurai.
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Diese Utopien waren insofern fortschrittlich, als sie ökonomische Ungleichheiten abschaffen wollten, doch sie ersetzten die alte ökonomische Sklaverei durch eine neue: die Menschen waren nicht mehr Sklaven ihrer Herren und Meister, dafür wurden sie Sklaven der Nation und des Staates. Die Macht des Staates gründet sich manchmal auf moralischer und militärischer Macht wie in Platos Staat, auf Religion wie in Andreaes Christianopolis oder auf dem Eigentum an Produktions- und Distributionsmitteln wie in den meisten Utopien des neunzehnten Jahrhunderts. Doch das Ergebnis ist immer das gleiche: das Individuum wird gezwungen, einen Kodex gesetzlichen und moralischen Verhaltens zu befolgen, der künstlich für ihn geschaffen wurde.
Die den meisten Utopien innewohnenden Widersprüche sind auf die autoritäre Herangehensweise zurückzuführen. Die Schöpfer der Utopien erhoben den Anspruch, den Leuten die Freiheit zu geben, doch eine Freiheit, die gegeben werden muß, ist keine Freiheit mehr. Diderot war einer der wenigen utopischen Schriftsteller, der sich sogar das Recht verweigerte zu verordnen, daß "jeder tun sollte, wie es ihm beliebt"; doch die meisten Schöpfer von Utopien sind entschlossen, selbst die Herren ihrer imaginären Gemeinwesen zu bleiben. Während sie den Anspruch erheben, die Freiheit zu bringen, liefern sie einen ausführlichen Kodex, der strikt befolgt werden muß. In ihren Utopien gibt es die Gesetzgeber, die Könige, die Stadträte, die Priester, die Präsidenten von Nationalversammlungen; und obwohl sie Heiraten, Gefängnisstrafen und Hinrichtungen verordnet, kodifiziert und befohlen haben, behaupten sie immer noch, daß die Leute so frei sind zu tun, was ihnen beliebt. Es ist nur zu offensichtlich, daß Campanella sich als den großen Metaphysiker in seinem Sonnenstaat sah, Bacon sich als Vater seines Hauses Salomon und Cabet sich als Gesetzgeber seines Ikarien. Wenn sie so geistreich sind wie Thomas Morus, können sie ihre geheime Sehnsucht sehr humorvoll ausdrücken: Du kannst dir nicht vorstellen, wie erhaben ich bin, schrieb er an seinen Freund Erasmus, wie ich körperlich gewachsen bin und wie hoch ich mein Haupt trage; so beständig sehe ich mich in der Rolle des Herrschers von Utopia; ich stelle mir tatsächlich vor, mit einer Krone aus Kornähren auf dem Kopf herumzugehen, mit einer Franziskanerkutte bekleidet, und ich trage die Korngabe als Zepter, begleitet von einer großen Schar von Leuten aus Amaurote.
Andere haben manchmal auf die Widersprüche ihres Traums hingewiesen, wie Gonzalez in Der Sturm (The Tempest) seinen Begleitern von dem idealen Gemeinwesen erzählt, das er auf seiner Insel gerne schaffen möchte:
Gonzalez:
Ich wirkte im gemeinen Wesen alles
Durchs Gegenteil: denn keine Art von Handel
Erlaubt ich, keinen Namen eines Amts;
Gelahrtheit sollte man nicht kennen; Reichtum,
Dienst, Armut gab's nicht; von Vertrag und Erbschaft,
Verzäunung, Landmark, Feld- und Weinbau nichts;
Auch kein Gebrauch von Korn, Wein, Öl, Metall;
Kein Handwerk; alle Männer müßig, alle;
Die Weiber auch; doch völlig rein und schuldlos;
Kein Regiment —Sebastian:
Und doch wollte er der König sein.Antonio:
Das Ende seines gemeinen Wesens vergißt den Anfang.
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Ein weiterer Widerspruch autoritärer Utopien besteht in der Versicherung, daß ihre Gesetze der natürlichen Ordnung folgten, während ihr Kodex in Wirklichkeit willkürlich aufgestellt wurde. Utopische Schriftsteller haben die Naturgesetze lieber erfunden anstatt sie zu entdecken, oder sie fanden sie in den „Archiven alter Weisheit". Für einige von ihnen, wie Mably oder Morelly, war das Naturgesetz jenes von Sparta und anstatt ihre Utopien auf lebende Gemeinschaften und Menschen, wie sie sie kannten, zu gründen, schufen sie sie anhand abstrakter Konzeptionen. Dies ist der Grund für die in den meisten Utopien vorherrschende künstliche Atmosphäre: Utopische Menschen sind uniforme Geschöpfe mit gleichen Wünschen und Reaktionen, ohne Gefühle und Leidenschaften, denn diese wären der Ausdruck von Individualität. Diese Gleichförmigkeit spiegelt sich in jedem Bereich utopischen Lebens, von der Kleidung bis zum Stundenplan, vom moralischen Verhalten bis zu intellektuellen Interessen.
H.G. Wells hat darauf hingewiesen: In fast allen Utopien — außer vielleicht Morris Kunde von Nirgendwo — findet man hübsche, doch charakterlose Gebäude, symmetrischen und vollendeten Ackerbau und eine Vielzahl von gesunden, glücklichen und schön gekleideten Menschen, jedoch ohne jegliche persönlichen Unterschiede. Zu oft erinnert dieser Ausblick an den Grundton jener großen Bilder von Krönungen, Königshochzeiten, Parlamenten, Konferenzen und Versammlungen im Viktorianischen Zeitalter, wo jede Gestalt statt eines Gesichts ein zierliches Oval trägt, auf dem fein säuberlich die Kennziffer verzeichnet ist.
Der Schauplatz der Utopie ist gleichermaßen künstlich. Der gleichförmigen Nation muß ein gleichförmiges Land oder eine gleichförmige Stadt entsprechen. Die autoritäre Liebe der Utopisten zur Symmetrie führt dazu, daß sie Berge und Flüsse abschaffen und sich sogar vollkommen runde Inseln und vollkommen gerade Flüsse vorstellen.
Lewis Mumford: In der Utopie des Nationalstaates gibt es keine natürlichen Gebiete; und die gleichermaßen natürliche Gruppierung von Menschen in Städten, Gemeinden und Dörfern, die, wie Aristoteles sagt, vielleicht der Hauptunterschied zwischen Menschen und anderen Lebewesen ist, wird nur geduldet aufgrund der Vorstellung, daß der Staat diesen Gruppen einen Teil seiner omnipotenten Autorität oder 'Souveränität', wie es genannt wird, überläßt, und ihnen erlaubt, ein korporiertes Leben zu führen. Trotz dieses schönen Mythos, den Generationen von Juristen und Staatsmännern mühselig aufgebaut haben, existierten Städte lange bevor es Staaten gab — es gab Rom am Tiber lange vor dem Römischen Reich — und die großzügige Erlaubnis des Staates ist schlicht ein nachträgliches Siegel auf die vollendete Tatsache ...
Anstatt natürliche Gebiete und natürliche Gruppen von Menschen anzuerkennen, steckt die Utopie des Nationalismus mit dem Feldmesser ein bestimmtes Gebiet ab, das Nationalterritorium, und macht alle Einwohner dieses Territoriums zu Mitgliedern einer einzigen, unteilbaren Gruppe, der Nation, die das erste Anrecht und die größere Macht vor allen anderen Gruppen haben soll. Dies ist die einzige offiziell anerkannte gesellschaftliche Formation innerhalb der nationalen Utopie. Was allen Einwohnern dieses Territoriums gemeinsam ist, soll von weit größerer Bedeutung sein als alles, was Menschen in besonderen städtischen und gewerblichen Gruppen verbindet.
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Diese Gleichförmigkeit wird von einem starken Nationalstaat aufrechterhalten. Privateigentum ist in Utopia abgeschafft, nicht nur um Gleichheit unter den Bürgern herzustellen oder wegen seines korrumpierenden Einflusses, sondern weil es eine Gefahr für die Einheit des Staates darstellt. Die Einstellung zur Familie ist ebenfalls bestimmt von dem Wunsch, einen geeinten Staat aufrechtzuerhalten. Viele Utopien bleiben in der platonischen Tradition und schaffen Familie sowie monogame Ehe ab, während andere Thomas Morus folgen und die patriarchalische Familie, monogame Ehe und die Aufzucht und Erziehung der Kinder im Schoß der Familie befürworten. Eine dritte Gruppe schafft einen Kompromiß, indem sie die Institution Familie beibehält, die Erziehung der Kinder jedoch dem Staat anvertraut.
Wenn Utopien die Familie abschaffen wollen, dann aus denselben Gründen wie die Abschaffung des Eigentums. Ihrer Meinung nach bestärkt die Familie selbstsüchtige Instinkte und hat deshalb einen zerstörerischen Einfluß auf die Gemeinschaft. Andererseits sehen die Fürsprecher der Familie in ihr die Grundlage für einen gefestigten Staat, die unerläßliche Zelle, das Übungsfeld für die vom Staat geforderten Tugenden des Gehorsams und der Loyalität. Zu Recht sind sie der Meinung, daß die autoritäre Familie keineswegs eine Gefahr darstellt, indem sie den Kindern individualistische Tendenzen einflößt, sondern sie im Gegenteil daran gewöhnt, die Autorität des Vaters anzuerkennen; ebenso bedingungslos werden sie später die Anordnungen des Staates befolgen.
Ein starker Staat braucht eine herrschende Klasse oder Kaste, die die Macht über alle anderen in den Händen hält, und während die Schöpfer idealer Gemeinwesen sehr darum besorgt waren, daß das Eigentum die herrschende Klasse nicht korrumpierte und auseinanderbrachte, sahen sie in der Regel nicht die Gefahr der Liebe zur Macht, die die Herrschenden korrumpierte und auseinanderbrachte und das Volk unterdrückte. Plato war in dieser Hinsicht der größte Fanatiker. Seine Wächter wurden mit aller Macht in der Stadt betraut, während sich Plutarch des möglichen Machtmißbrauchs der Spartaner bewußt war, jedoch kein Heilmittel anbot. Thomas Morus stellt eine neue Konzeption auf: ein Staat, der alle Bürger repräsentierte bis auf eine kleine Anzahl von Sklaven. Sein Regime ist das, was wir demokratisch nennen würden; das heißt, die Macht wird von den Vertretern des Volkes ausgeübt. Doch diese Vertreter hatten eher die Macht, die Gesetze zu verwalten als sie zu entwerfen, da alle wichtigeren Gesetze dem Land von einem Gesetzgeber gegeben wurden. Der Staat verwaltete daher einen Gesetzeskodex, den die Gemeinschaft nicht gemacht hatte. Darüberhinaus sind, aufgrund der zentralistischen Natur des Staates, die Gesetze für alle Bürger und alle Gruppierungen innerhalb der Gemeinschaft dieselben und berücksichtigen nicht die unterschiedlichen persönlichen Voraussetzungen. Aus diesem Grund waren einige utopische Schriftsteller, wie Gerrard Winstanley, dagegen, daß die Gemeinschaft ihre Macht an eine zentrale Körperschaft delegierte, denn sie fürchteten, daß sie in der Tat ihre Freiheit verlöre und wünschten, daß sie ihre autonome Regierung beibehielt. Gabriel de Foigny und Diderot gingen noch weiter und schafften Regierungen überhaupt ab.
Die Existenz des Staates erfordert auch zwei moralische Verhaltenskataloge, denn der Staat teilt das Volk nicht nur in Klassen, sondern teilt auch die Menschheit in
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Nationen. Loyalität dem Staat gegenüber fordert oftmals die Verleugnung des Solidaritätsgefühls und der gegenseitigen Hilfe, die von Natur aus zwischen den Menschen bestehen. Der Staat erlegt einen bestimmten Verhaltenskodex auf, der die Beziehungen zwischen den Bürgern des Gemeinwesens, und einen weiteren, der die Beziehungen zwischen den Bürgern und den Sklaven oder den „Barbaren" regelt. Alles, was in den Beziehungen zwischen Gleichen verboten ist, ist gegenüber denen, die als minderwertig gelten, erlaubt. Der utopische Bürger ist liebenswürdig und höflich zu seinesgleichen, doch grausam zu seinen Sklaven; zu Hause liebt er den Frieden, doch im Ausland führt er die gnadenlosesten Kriege. Alle Utopien, die in Platos Fußstapfen treten, lassen diesen Dualismus im Menschen zu. Daß dieser Dualismus innerhalb einer Gesellschaft existiert, ist, wie wir wissen, nur zu wahr, doch es mag seltsam erscheinen, daß er in einer „vollkommenen Gesellschaft" nicht beseitigt worden ist. Das universalistische Ideal Zenos, der in seiner Politeia die Brüderlichkeit der Menschen aller Nationen verkündet, ist von kaum einem utopischen Schriftsteller übernommen worden. Die meisten Utopien betrachten den Krieg als unvermeidlichen Bestandteil ihres Systems, und das muß auch so sein, denn die Existenz eines Nationalstaates ist immer Ursache von Kriegen.
Der autoritäre utopische Staat läßt keine Persönlichkeit zu, die so stark und unabhängig ist, auf Veränderung oder Revolte zu sinnen. Da die utopischen Institutionen als vollkommen gelten, ist es selbstverständlich, daß sie zu keiner Verbesserung mehr fähig sind. Der utopische Staat ist in seinem Wesen statisch und erlaubt seinen Bürgern nicht, für eine bessere Utopie zu kämpfen oder auch nur davon zu träumen.
Diese Vernichtung der menschlichen Persönlichkeit nimmt oft einen wahrhaft totalitären Charakter an. Der Gesetzgeber oder die Regierung entscheiden über die Pläne für Städte und Häuser; diese Pläne werden nach rationalsten Grundsätzen und bestem technischen Wissen entworfen, doch sie sind nicht der organische Ausdruck der Gemeinschaft. Ein Haus und eine Stadt mögen aus leblosem Material erschaffen sein, doch sie sollten den Geist derer verkörpern, die sie erbauten. Ebenso mögen utopische Uniformen bequemer und kleidsamer sein als gewöhnliche Kleidung, doch sie gestatten nicht den Ausdruck der Individualität.
Noch grausamer unterdrückt der utopische Staat die künstlerische Freiheit. Der Dichter, der Maler, der Bildhauer müssen Diener und Propagandaagenten des Staates werden. Individueller Ausdruck ist ihnen entweder aus ästhetischen oder aus moralischen Gründen verboten, doch das wahre Ziel ist es, jegliche Demonstration von Freiheit zu vernichten. Die meisten Utopien würden bei der „künstlerischen Probe", wie Herbert Read sie vorgeschlagen hat, versagen:
Zu oft und zu selbstzufrieden wird darauf hingewiesen, daß Plato den Dichter aus seinem Staat verbannte. Doch jener Staat war ein trügerisches Modell der Vollkommenheit. Er mag von einem Diktator verwirklicht werden, doch funktionieren könnte er nur wie eine Maschine — mechanisch. Und Maschinen funktionieren nur deshalb mechanisch, weil sie aus totem, anorganischen Material sind. Wenn man den Unterschied zwischen einer organischen, fortschreitenden Gesellschaft und einem statischen, totalitären Regime ausdrücken will, so genügt ein einziges
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Wort: das Wort Kunst. Nur unter der Bedingung, daß der Künstler frei schaffen darf, kann eine Gesellschaft die Ideale von Freiheit und intellektueller Entwicklung verwirklichen, die den meisten von uns als die einzig lebenswerten erscheinen.
Utopien, die diese Probe bestehen, sind gegen die Konzeption eines zentralisierten Staates, sind für die Vereinigung freier Gemeinschaften, wo das Individuum seine Persönlichkeit entfalten kann, ohne der Zensur oder einem künstlichen Kodex unterworfen zu sein, wo die Freiheit nicht nur ein abstrakter Begriff ist, sondern in konkreter Arbeit deutlich wird, sei es die des Malers oder des Maurers. Diese Utopien beschäftigen sich nicht mit der toten Struktur gesellschaftlicher Organisation, sondern mit den Idealen, auf denen eine bessere Gesellschaft errichtet werden kann. Die antiautoritären Utopien sind weniger zahlreich und übten einen geringeren Einfluß aus als die anderen, denn sie boten keinen fertigen Plan, sondern gewagte, unorthodoxe Ideen; sie forderten jeden von uns auf, „einzig" zu sein und nicht einer unter vielen.
Wenn die Utopie auf ein ideales Leben weist, ohne zum Plan, das heißt zur leblosen Maschine zu werden, die dem Lebendigen übergestülpt wird, so wird sie tatsächlich die Verwirklichung des Fortschritts.